Ich lege schon mal meine liebsten DVDs raus, deponiere eine Kuscheldecke auf dem Sofa, fülle Chips in eine Schüssel, mache Kerzen an. Bereite den Abend vor, so richtig romantisch und kitschig.

Es klingelt. Ich hüpfe zur Tür. Öffne sie. Da steht er. Wunderschön. Lächelt mich an. "Mrr, hi. Bist du eine riesige fette rote Katze?". Er spielt auf meinen Pyjama an. Ein kuscheliger, roter und sehr weiter Katzen-Onesie. "Miau.", fauche ich zurück. Er gibt mir eine Kopfnuss; liebevoll. Naja, so liebevoll wie man jemandem eine Kopfnuss geben kann.

Ich nehme seine Hand, ziehe ihn ins Wohnzimmer. "Horrorfilm?" - "Klingt gut, welche hast du denn so?" Ich zeige ihm die auserwählten DVDs. Er schaut sie ruhig durch. "Willst du was trinken?", sage ich, um die Zeit produktiv nutzen zu können. Ich möchte, dass der Abend perfekt wird. Irgendwie. Er nickt zufrieden, als ich den Sekt hoch halte, den ich für heute ausgewählt habe. Ich nehme die zwei Sektgläser aus meinem Schrank und schenke uns ein. Wir stoßen an und ich nehme einen großen Schluck. Mir ist klar, dass bei mir schon bald die Wirkung davon eintreten wird, Sekt ist mein Kryptonit – andererseits in solchen Situationen zur Entspannung durchaus förderlich.

Ich kichere. Er sieht mich fragend an. "Dieser Abend ist so ... passend." Sein Blick sagt mir, dass ich damit nicht wirklich Licht in sein Dunkeln gebracht habe. "Nun ja, sieh mal. Ich habe diesen Sack hier an", dabei deute ich auf den riesigen Stoffsack, der meinen Körper umhüllt "und dabei trinken wir Sekt und schauen einen Horrorfilm, das ist so ... überhaupt nicht zusammenpassend, so willkürlich zusammengewürfelt, so chaotisch und merkwürdig – und eben damit passt es so perfekt zu mir, meinst du nicht?" Er schaut mich an, denkt nach. "Ja, irgendwie schon. Ich find's aber wunderschön so." - "Den Abend oder mich?", frage ich scherzhaft. "Beides."

Ich küsse ihn auf die Wange, mit einem dicken Schmatzgeräusch, extra kitschig und übertrieben. Plötzlich umarmt er mich schwungvoll und so stürmisch, dass wir beide daraufhin von der Couch kippen. Auf dem Boden rollt er sich über mich, packt mich bei den Handgelenken und ich liege hilflos unter ihm. Er sieht mir lange in die Augen. Mein Blick wandert zwischen seinen Augen und seinem Mund immer wieder hin und her. Er scheint das zu bemerken, jedenfalls kommt er mit seinem Kopf immer näher, bis er schließlich mit seinen Lippen bei meinen angelangt ist und mich küsst. Lange. Intensiv. Wundervoll. Seine Lippen fühlen sich sanft an, warm.

Es ist genau das, wovon ich seit Wochen träume. Dass er mich endlich küsst, er endlich den ersten Schritt tut – weil ich mich nicht traue.

Er lässt von mir ab und rollt sich neben mich. "Das war schön.", sagt er. "Ja, das war es.“ Er starrt in die Luft. "Es ist immer schön mit dir. Zumindest für mich." - "Es ist auch immer schön mit dir.", antworte ich. Nun dreht er seinen Kopf und sein Blick ruht auf mir. "Du?", sagt er leise. Ich schaue ihn fragend an. "Ich glaube ich bin dabei, mich in dich zu verlieben." Nun bin ich es, die sich über ihn rollt, setze mich breitbeinig auf seinen Bauch, schaue auf ihn runter und sage mit einem dicken Grinsen: "Das ist okay, Mister. Da komme ich mit klar." Nun muss auch er grinsen. Er sieht mich ganz verturtelt an. Ich ihn auch.
Dieser Moment ist wundervoll, viel besser als ich es heute erwartet hatte. So perfekt hatte ich mir den Tag nicht vorgestellt, dachte, wir würden bloß einen Film schauen und zusammen abhängen, wie immer halt.

Mit den Worten "Also, was ist jetzt mit dem Film?" stehe ich auf und unterbreche so die Situation. Ich weiß nicht warum, aber mir macht Geschwindigkeit bei sowas Angst. Deshalb bremse ich solche Momente gerne aus. Für ihn ist das aber offensichtlich komplett okay, er sieht nicht einmal verwirrt aus. Kennt mich offensichtlich mittlerweile gut genug, dass er weiß, dass das nichts gegen ihn ist. Er zeigt wortlos auf eine der DVDs und ich lege sie ein. Zurück bei meiner Couch empfängt er mich mit offenen Armen, ich kuschle mich hinein, nehme mir die Schüssel mit den Chips und umschließe sie mit beiden Armen, so als wäre sie mein Baby. Mein kleines Chips-Schüssel-Baby. Er sieht mich gespielt empört an, als ich die Schüssel so ganz für mich beschlagnahme, lässt sich aber schnell wieder besänftigen, indem ich ihm einfach ein paar in seinen Mund schiebe. Den gesamten Film über mümmeln wir genüsslich unsere Chips vor uns hin und ganz selten mal zuckt einer von uns zusammen, weil er sich erschreckt. Dann kuscheln wir uns jedes Mal noch was mehr zusammen, um uns gegenseitig zu beschützen. Ich merke, wie er immer mal wieder zu mir runter sieht und hin und wieder, wenn ich meine, er sieht es nicht, schaue auch ich ihn an. Mustere sein schönes Gesicht, die Anspannung in seinen Augen und die Zufriedenheit in seinen Mundwinkeln. Ich glaube ich bin auch schon lange dabei mich in ihn zu verlieben. Ganz langsam, so wie das halt meine Art ist. Aber trotzdem, da regt sich was in mir. Ich genieße die Zeit mit ihm einfach viel zu sehr, um behaupten zu können, da sei nicht mehr als bloße Freundschaft. Denke einfach viel zu oft an ihn. Wünsche ihn mir zu oft in meine Arme, wenn er mal nicht da ist.

Als der Film zu ende ist, schaut er auf die Uhr. „Wenn ich noch nach Hause will, muss ich gleich los.“ - „Willst du denn nach Hause?“. Er sieht mich an. Lächelt. „Nun ja, ich würde es vorziehen heute Nacht nicht unter einer Brücke schlafen zu müssen, also wenn sich da keine andere Gelegenheit auftut, würde ich wohl gerne nach Hause, denke ich.“, er grinst mich neckisch an. „Ich will aber nicht, dass du jetzt gehst.“, sage ich trotzig und gehe damit absichtlich nicht auf seine Aussage ein. „Unter einer Brücke ist es um diese Jahreszeit aber zu kalt.“ - „Vielleicht ist hier im Haus ja irgendwo noch Platz in einem Bettchen.“ - „Meinst du? Ob ich mal deine Nachbarin fragen sollte?“, nun könnte sein Grinsen vermutlich nicht mehr wesentlich breiter sein. Als Antwort auf seine Gemeinheit klatsche ich meine Handfläche sanft in sein Gesicht. Quasi wie eine Slow-Motion-Ohrfeige. Er packt meine Hand, zieht sie an seine Lippen und beißt einmal gespielt böse, aber trotzdem vorsichtig rein. Auf mein übertrieben entsetztes Quieken, pustet er auf die Stelle, wie man es bei kleinen Kindern macht und küsst meine Hand sanft. Ich lache. Er ist so ein Idiot. Er ist einfach genau so merkwürdig, abgefahren, komisch, seltsam, verrückt, anders, durchgeknallt wie ich. Er ertappt mich dabei, wie ich ihn bei diesem Gedanken schon wieder so verknallt anstarre und reagiert darauf mit einem weiteren Kuss, diesmal wieder auf den Mund. Er zieht mich fest in seine Arme und sagt nun ernster: „Es ist also kein Problem, wenn ich bei dir übernachte?“ - „Nein, ist es nicht. Natürlich nicht. Quatschkopf.“ Er scheint eine Weile über meine Worte nachzudenken. „Quatschkopf. Sowas sagst auch nur du.“ - „Was ist an Quatschkopf falsch? Ist doch ein schönes Wort.“, sage ich verwundert. „Ja, eben. Es ist ein schönes Wort, aber keiner benutzt es. Das mag ich an dir. Du hast so viele schöne Dinge.“ - „Schöne Dinge?“ - „Ja, Worte, die du sagst. Sachen, die du machst. Wie du dich verhältst. Wie du bist.“ Ich schaue ihn an, lege den Kopf schief. „Du findest schön, wie ich bin?“ Er lacht. „Ja.“, sagt er bestimmt. Wie selbstverständlich. „Warum? Ich hab soviel an mir, was nicht schön ist.“ Er drückt mich. „Nein, finde ich nicht. Es gibt so vieles an dir, was andere als nicht schön betiteln würden. Du bist anstrengend, kannst richtig nervig werden. Du bist manchmal wie ein kleines Kind, um das man sich kümmern muss. Manchmal bist du unheimlich hilflos, klein, ein unbedeutendes Häufen ohne Selbstbewusstsein. Und dann wieder bist du völlig anders, groß, stark, unglaublich stark, präsent, selbstbewusst, einfach eine Wucht. Und gerade diese ständigen Gegensätze in dir, dieser andauernde Wechsel, der macht dich wunderschön. Zumindest wunderschön für mich.“ Ich bin sprachlos. Weiß einfach nicht, was ich darauf antworten soll. Kann kaum atmen. „Wow.“, bringe ich nur leise heraus. „Wow?“, fragt er. „Das ist vermutlich das schönste, was mir je wer gesagt hat.“ Ich sehe ihn mit großen Augen an. Vielleicht sieht er die kleinen Tränchen drin blitzen, ich weiß es nicht. Er zieht mich ganz nah an sich, drückt mich fest an seine Brust. Ich folge der Bewegung, vergrabe mein Gesicht in sein Shirt. Fühle mich einfach geborgen, umsorgt. „Danke“, flüstere ich leise. Hoffe, er hat es gehört. Als Antwort drückt er mir einen liebevollen Kuss auf die Stirn.

Ja, ich glaube ich bin eindeutig dabei, mich in ihn zu verlieben. Und ich denke, das ist gerade auch sehr gut so.