Erwartungen

Vorfreude ist die größte Freude – so sagt man. Meiner Meinung nach ist da tatsächlich was wahres dran. Diese funktioniert allerdings nur, da man eine gewisse Erwartung hat. Der Haken bei der Vorfreude besteht darin, dass sie wertlos wird, wenn das erwartete Ereignis nicht eintrifft. Dann bleibt oft nichts mehr, als ein bitterer Nachgeschmack. Und das ist das Problem mit der Vorfreude. Sie ist eine wahrlich große Freude, sie hält oft recht lange an und ist sehr intensiv. Aber sie kann umso bitterer schmecken, wenn das, worauf man sich so gefreut hat, nicht eintrifft. Dann fühlt sich plötzlich alles falsch an, die Erinnerung an die naive Vorfreude schmerzt und bringt vor allem Leid.

Oft frage ich mich, ob ich zu viel erwarte. Aber eigentlich glaube ich, dass jede Erwartung zu viel ist. Denn wenn man Erwartungen hat, dann kann man enttäuscht werden. Wenn man keine hat, dann gibt es auch nichts, das so nicht funktionieren kann. Wenn man ohne Erwartungen in eine Situation geht, dann kann es bloß gut werden. Denn wenn es schlecht wird, dann ist das nicht schlimm, schließlich hat man eh nichts gutes erwartet.

Leider funktioniert das nicht so – zumindest bei mir nicht. Ich erwarte die unterschiedlichsten Dinge, male mir meine Zukunft immer aus und erwarte dann Sachen, die oft so gar nicht eintreffen – um dann enttäuscht zu sein... Somit befinde ich mich in einem kontinuierlichen Strudel aus Vorfreude und Enttäuschung. Ob das besser ist, als der allgemeine Trott in dem der Normalmensch hängt? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass das ein sehr kraftraubender Prozess ist. Denn ebenso, wie meine Vorfreude jedes Mal echt, kindlich echt, naiv echt, wunderschön echt ist, so ist auch meine Enttäuschung jedes Mal erschütternd, bitter erschütternd, traurig erschütternd, entmutigend erschütternd. Dieses ständige Auf und Ab zehrt an meinen Kräften. Und somit komme ich immer mal wieder zu dem Punkt, an dem ich mich frage: Muss das sein? Ist es das wert? Ich weiß es ehrlich gesagt leider nicht. Bin zu dumm, zu naiv oder zu unerfahren, um darauf eine Antwort zu finden. Und mache wohl weiter wie bisher, mit ständigem Auf und Ab. Um enttäuscht zu werden und um Vorfreude zu spüren. Und um vielleicht irgendwann einmal sagen zu können: So war es richtig, das weiß ich jetzt.

Hoffentlich.