Küss mich

 

Er sieht mir tief in die Augen. „Küss mich!“, flüstert er. Haucht er fast nur noch dahin. „Küss mich!“. Ich bin ihm schon so nahe, dass ich seine Wärme bereits auf meiner Haut spüren kann. Ich nähere mich ihm noch mehr. „Küss mich.“ Die Worte kommen kaum noch bei mir an, so leise haucht er sie heraus.

Ich bin mir unsicher, doch alles in mir will ihn. Sein Geruch – so gut, so vertraut, so warm, so sanft, so perfekt. Seine dunkelbraunen Augen, tief, sicher, liebevoll. Er schaut mich fordernd an. Wartet, dass ich diese kleinen 5 Milimeter noch gehe, meine Lippen auf seine presse und ihm so die Erlaubnis gebe, mich zu küssen. Meine Atmung geht immer schwerer. Ich will ihn, will ihn so sehr. Möchte nichts lieber als ihn küssen, seine zarten Lippen auf meinen spüren. Ihn umklammern und nie wieder los lassen. Diesen Moment niemals enden lassen, diesen Menschen nie gehen sehen, ihn ab jetzt für immer „mein“ nennen können.

Doch mein Inneres wehrt sich. Vernunft oder Angst oder Vorsicht oder wasauchimmer meldet sich zu Wort, will mich von Dummheiten abhalten. Und doch weiß jede Faser meines Körpers: die größte Dummheit ist bereits geschehen. Verliebt habe ich mich – bis über beide Ohren. Kann nicht genug bekommen von diesem Jungen. Will ihn, will ihn so sehr. So sehr – und für immer.

Wage es also, weil mein Verlangen so groß ist. Mein Verlangen nach seiner Nähe, seinen Lippen, seinen Küssen, seiner Stimme, seinem Lachen, seinen Augen. Er.

Wage es also und küsse ihn. Die vorsichtige Berührung wächst schnell zu einem leidenschaftlichen Kuss aus. Er presst seinen Körper an meinen, unsere Umarmung könnte kaum fester sein.

Ich bin so froh. So froh hier zu sein. Seine Lippen auf meinen zu spüren. Dieses unbändige Verlangen endlich zu stillen. So froh hier zu sein, mit ihm. Mit ihm zu sein. Bei ihm. Vor ihm. An ihm.

Wieder schaut er mich nur an. Tief in meine Augen. „Was denkst du?“, frage ich. Eine typische Weiber-Frage. Doch ich will wissen, was in ihm vorgeht; kann sein Gehirn förmlich arbeiten sehen und wüsste nur zu gern, was es da arbeitet. „Ich denke, ich bin dabei, mich in dich zu verlieben.“, sagt er leise. „Ist das schlimm?“, hake ich nach. „Ich weiß nicht. Ist es das für dich?“ - „Nein.“, flüstere ich. „Für mich ist es schön. Wunderschön.“ Er lächelt mich sanft an.

Ich drehe mich leicht von ihm weg, lege meinen Kopf auf seine Brust und wende mich wieder dem Film zu, den wir eigentlich schauen wollten. Er zieht mich etwas an sich und lehnt seinen Kopf an meinen.

 

Als der Film zuende ist, löse ich mich vorsichtig aus seiner Umarmung und strecke mich. Er nutzt diese Situation und fängt blitzschnell an, mich zu kitzeln. Ich quieke empört auf, kreische fast, zucke ruckartig zusammen und versuche mit ungeschickten Bewegungen seine Hände zu fassen zu bekommen, um ihn am weitermachen zu hindern. Es gelingt mir aber nicht, ich schlage bloß in planlosen Bewegungen unbeholfen um mich. Schließlich treffe ich aber doch sein Gesicht und drücke es mit aller Kraft von mir weg. Er lässt mit einer Hand von mir ab und packt den Arm, mit dem ich ihn weg drücke. Ich versuche ihn mit meiner anderen Hand daran zu hindern, leider erfolglos. Er lässt kitzeltechnsich nun vollends von mir ab und bevor ich kapiere was passiert, dreht er sich über mich, packt mich bei den Handgelenken und lässt mich hilflos unter ihm zappeln.

„Na? Was machst du jetzt?“, fragt er mit gespielt bösem Unterton. Ich schaue ihn mit großen Augen an und versuche dabei so hilflos, unschuldig und niedlich wie möglich auszusehen. Man kann richtig sehen, wie er mit sich selbst kämpft und schließlich beugt er sich zu mir runter, um mich zu küssen – jedoch ohne meine Handgelenke frei zu geben.

„Okay, Deal. Ich lasse dich frei, wenn du mir eine Frage beantwortest. Ganz ehrlich.“ - „Und wenn ich nein sage?“, frage ich keck. „Dann werde ich dich hier an mein Bett binden und dich als meine Sexsklavin halten. Für immer.“ - „Wäre das denn so schlimm?“, frage ich mit einem äußerst anzüglichen Blick. Er lacht. „Na, das weiß ich nicht. Musst du ja irgendwie wissen. Aber ist ein Leben in Freiheit nicht immer besser als eins in Sklaverei? Ein Leben, wo ich dich nicht permanent foltere?“, er lächelt verschmitzt. „Folter? Woah. Okay, Deal. Eine Frage gegen Freiheit.“ - „Ehrliche Antwort!“ - „Ja, ehrliche Antwort.“ - „Was empfindest du für mich?“ Ich schaue ihn verwundert an. Mit so einer ernsten Frage habe ich nicht gerechnet. Mein Blick löst sich von ihm und schweift nachdenklich in die Ferne. „Schwer zu sagen. Gefühle in Worte zu fassen, ist oft nicht leicht.“ Ich mache eine Pause, um die richtigen Worte zu finden. „Ich bin gerne in deiner Nähe. Liebe deinen Geruch, deine Haare. Das Gefühl, wenn meine Hand in deiner liegt. Genieße jede Sekunde mit dir. Will nicht, dass du gehst. Es ist keine Liebe, aber es geht in diese Richtung. Undefinierbar.“ Nun schaue ich ihn wieder an. Er mustert mich. „Gut. Danke.“, sagt er nur und lässt von mir ab. „Gut?“, frage ich zart. Er sieht mich an. Süß. Liebevoll. Verturtelt. „Ja. Ich finde das gut.“ Er küsst mich.