Deine Oma ist tot.“, sagt er kühl. Wie nebenbei. Ich erstarre. „Die.. die… meine Oma Resi?“ Sie war nicht direkt meine Oma gewesen. Sie war meine Ur-Oma. Meine beiden Omas leben noch. „Ja.“ Wie kann er das so kühl, so distanziert sagen? Sie gehörte doch zur Familie. Auch wenn er sie kaum kannte. Ich kannte sie ja auch kaum. Trotzdem. Sie war doch ein Teil unserer Familie. Und ich wollte sie doch noch besuchen gehen. Man konnte es doch voraus sehen. Ich wollte sie doch noch einmal umarmen.

Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich höre von oben ein Schluchzen. Meine Mutter. Soll ich hochgehen? Sie trösten? Aber.. was soll ich denn sagen? Ich sitze nur da. Starre geradeaus. Das kann doch nicht wahr sein. Die Worte erreichen mein Gehirn nicht. Ich begreife nicht was los ist. Und doch ist es ganz klar. Sie ist tot. Weg. Keine Chance mehr mit ihr zu reden. Sie hatte ohnehin nichts mehr gesagt. Sie war dement gewesen.

Ich höre, wie jemand runterkommt. Natürlich, mein Stiefvater. Meine Mutter würde doch jetzt nicht nach unten kommen oder? Dann höre ich, wie noch jemand die Treppen hinunter kommt. Also doch. Im nächsten Moment sehe ich meine Mutter in meiner Tür stehen. Sie hat rote, verweinte Augen. „Oma Resi ist gestorben. Ich fahr jetzt mal…“ Sie beendet den Satz nicht. Braucht sie nicht. Ich verstehe auch so. „Räumst du hier gleich noch auf?“ Sie guckt auf meinen Schreibtisch. Ich hab mal gehört, dass die Leute in Schock-Situationen an die unmöglichsten Sachen denken. So wie jetzt. Wen interessiert denn jetzt mein Schreibtisch? „Ja, klar!“, sage ich trotzdem.

Ich stehe auf. Und gehe zu meinem Schreibtisch. Nein, ich schwebe. Zumindest hab ich das Gefühl, als wenn ich schweben würde. Ich räume meinen Schreibtisch auf, noch bevor meine Mutter und mein Stiefvater aus dem Haus sind. Bringe sie noch zur Tür. Und da kommt mir auf einmal ein schrecklicher Gedanke. Ich muss zur Beerdigung. Nein. Ich will nicht. Ich will nicht zur Beerdigung. Aber ich will auch nicht nicht da sein. Ich MUSS doch dahin. Ich MUSS – nicht wegen meiner Mutter oder sonst wem. Ich MUSS, weil ich es so empfinde. Ich kann doch nicht einfach nicht da sein. Ich muss doch… Ich…

Ich will weinen. Aber es geht nicht. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Ich MUSS doch weinen können, wenn jemand stirbt. Jemand, den man liebt. Aber habe ich meine Oma Resi denn geliebt? Ich meine, ich kenne sie doch gar nicht. Ich KANNTE sie doch gar nicht. Okay, gar nicht ist wohl übertrieben, aber kaum. Seit ich denken kann, ist sie dement. WAR. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie einfach … WEG … sein soll. Tot. Einfach so… Puff – weg. Einfach weg.

Ich bekomme eine Gänsehaut. Aber weinen kann ich nicht. Habe höchstens ganz leicht Tränen in den Augen. Ich kann nichts tun. Sitze nur still da. Kann kaum atmen. Seit einer halben Stunde sitze ich hier und warte, dass ich endlich begreife. Doch ich begreife es nicht.

 

Erst nachts, in meinem Bett, kann ich endlich weinen. Erst da kommen mir endlich die ersehnten Tränen.

 

- nach einer wahren Begebenheit. Ruhe in Frieden. ♥