Unschuld eines Mädchens

 

Ein Mädchen sitzt in ihrem Zimmer. Sie hört Musik. Aber nicht, wie andere Mädchen in ihrem Alter, lustige Musik. Das Mädchen hört traurige Musik, Musik zum Nachdenken.

Das Mädchen ist vielleicht gar kein Mädchen mehr. Vielleicht ist sie schon eine junge Frau. Eine junge Dame. Eine Dame? Nein, dieses Mädchen ist keine Dame.

Vielleicht war sie gestern Morgen noch eine Dame. Vielleicht, eher nicht. Aber vielleicht. Seit gestern Abend ist sie sicher keine mehr. Gestern war sie vermutlich auch noch ein Mädchen.

Doch gestern Abend nahm er ein Stück ihrer Unschuld. Und ihres Glaubens.

Und das Verrückteste ist, dass sie das vorher gar nicht wissen konnte, dass sie das überhaupt nicht erwartet hatte. Denn sie wollten doch nur eine DVD gucken…

Es klingelt. Sie springt auf und läuft hastig zur Tür. Und als sie diese aufmacht, steht er vor ihr.

Wer auch sonst? Es war ausgemacht, dass er kommt, um acht Uhr hatte er gesagt und sie saß schon seit viertel vor acht wartend in ihrem Zimmer. Und er kam erst um viertel nach.

Tut mir echt Leid, dass ich zu spät bin…“, entschuldigt er sich sofort. „Ach nicht schlimm.“, antwortet sie lässig und schaut auf die Uhr, als wenn sie nicht ganz genau wüsste, dass er sechzehn Minuten zu spät gekommen ist.

Ja, sie hat auf ihn gewartet. Dadurch bekommt ihr jetzt sicher den Eindruck, sie wäre unheimlich in ihn verliebt, oder? Als wären die beiden zusammen und überglücklich miteinander. Aber – stopp. Noch mal bitte ab da, wo sie ihm Tür aufmacht, ganz genau aufpassen bitte.

Sie läuft hastig zur Tür. Und als sie diese aufmacht, steht er vor ihr. Sie tritt einen Schritt zur Seite und … er kommt herein. „Tut mir Leid, dass ich zu spät bin...“.

Kein Küsschen, keine Umarmung, nicht einmal ein „Hallo“. Nichts. Und warum? Die beiden waren nur beste Freunde. So ist das.

Möchtest du was trinken?“, fragt sie höflich. Die beiden stehen unschlüssig im Flur rum. „Ne du, lass mal.“ Sie geht ins Wohnzimmer, dreht sich auf einmal plötzlich um und er läuft genau gegen sie. Die beiden müssen lachen und er sieht sie fragend an. Sie grinst, nimmt dem überraschten Jungen die DVD aus der Hand und geht weiter zum Fernseher. Sie legt die DVD ein. Sein Lieblingsfilm. Sie würde ihn mögen, hat er ihr gesagt. Sie setzen sich auf die Couch, jeder in eine Ecke.

Da sieht man, dass die beiden nicht zusammen sind. Sie sind krampfhaft darum bemüht, zu signalisierten, dass zwischen ihnen nur Freundschaft ist.

Sie schaut während des Films die ganze Zeit zu ihm rüber. Doch er bemerkt es nicht. Das ist auch gut so, sie sind ja nur Freunde.

Ja, sie guckt ihn an. Liebt sie ihn? Nein. Würde sie antworten. Aber sie tut es wahrscheinlich doch. Sie weiß es nicht. Doch alles deutet darauf hin, dass sie verliebt ist.

Du guckst so traurig, ist irgendwas?“ Sie schaut ihn verblüfft an. „Äh… Nein…“, stammelt sie. „Ach komm schon, sicher nicht?“, hakt er nach und schaut sie liebevoll an. Sie kann seinem Blick nicht standhalten und weicht auf den Boden aus. „Sag schon, ich seh doch, dass was los ist.“ Sie fühlt sich auf einmal ganz klein und hilflos. Sie hebt den Blick wieder und sieht ihn mit großen Augen an. „Ich weiß nicht… Ich fühl mich einfach nicht so gut im Moment.“, bringt sie kleinlaut mit schwacher Stimme hervor. Er kommt vorsichtig auf sie zu, schließt sie in seine Arme und drückt sie feste an sich. Sie schmiegt sich an ihn und kuschelt ihr Gesicht in seine Schulter. Es ist nicht die Art von Liebe, nach der sie sich sehnt, doch sie hält den tollsten Menschen der Welt in ihren Armen, denkt sie.

Ja, sie genoss jede Umarmung von ihm. Sie hätte ihn am liebsten die ganze Zeit umarmt.

Doch … sie waren ja nur Freunde.

Er löst sich langsam wieder aus der Umarmung und sieht sie prüfend an. Als er sieht, dass sie nun viel glücklicher scheint, geht er wieder zum Sofa. Sie setzt sich neben ihn, doch er sitzt nicht mehr in der Ecke des Sofas, sondern eher mittig, sodass sie sich nun viel näher sind. Sobald sie sitzt, schlingt er seinen Arm um sie und drückt sie fest an sich.

Sie dachte, dass er sie vielleicht doch liebt. Und das, obwohl er ihr immer wieder gesagt hat, dass er das nicht tut.

Der Film ist aus. Sie beiden liegen eng umschlungen auf der Couch, bis sie vorschlägt, in ihr Bett zu gehen, weil die Couch so eng ist.

Richtig, sie hat vorgeschlagen ins Bett zu gehen. Zusammen. Aber als Freunde. Zum kuscheln. Sie waren ja nur Freunde.

Sie liegen in ihrem Bett. Genau so verschlungen, wie eben auf der Couch. Sie ist überglücklich und fühlt sich pudelwohl.

Sie fand es großartig in seinen Armen zu liegen. Sie waren ja nur Freunde.

Er fängt an über ihren Rücken zu streicheln. Ein wohliger Schauer kriecht sofort von ihrem Nacken aus, ihren Rücken hinunter. Seine Hand wandert hoch zu ihren Schulterblättern, ihren Nacken und wieder runter. Er schiebt mit seiner Hand vorsichtig ihr T-Shirt hoch und im nächsten Moment spürt sie seine warme, große Hand auf ihrer nackten Haut. Nach einer kleinen Ewigkeit fängt seine Hand an, neugieriger zu werden. Sie wandert auf ihre Hüften, über ihren Bauch. Sie umkreist dreimal ihren Bauchnabel, bevor sie noch ein Stückchen weiter nach unten wandert. Sie trifft auf den Bund ihrer Jogginghose. Das Mädchen muss schlucken.

Sie waren doch nur Freunde.

Er schiebt seine Hand in ihre Hose. Sie wird ganz nervös.

Sie waren doch nur Freunde.

Sie fängt leicht an, zu zittern. Zum Teil aus Lust, zum Teil aus Angst.

Sie waren doch nur Freunde.

Wenn du nicht willst, musst du das nur sagen.“, erklärt er liebevoll. Will sie denn?

Sie waren doch nur Freunde.

Oder? Sie weiß nichts mehr. Ihr Hirn ist wie ausgeschaltet, während seine Hand immer weiter geht.

Freunde.

Sie rückt nach hinten. Braucht Zeit. Will sie das?

Freunde.

Nein, sie will das nicht. Sie will Liebe. Sie will geliebt werden. Sie rückt noch etwas von ihm weg, doch er sieht das als Aufforderung weiter zu machen, immer weiter, ihr immer mehr Unschuld zu rauben.

Stopp. Da ist es. Sie rutscht nach hinten. Sie will das nicht. Doch sie sagt nichts. Sie waren doch Freunde.

Er zieht ihr ihre Hose aus. Dann ihr T-Shirt. Sie liegt da bloß noch in Unterwäsche. Er fummelt dann an seiner Hose rum und bald hat auch er nur noch Unterwäsche an.

Nur Freunde.

Sie wünscht sich weg, sie will das nicht. Sie sagt nichts. Sie ist total unsicher.

Freunde. Nur Freunde.

Als er schließlich auch noch ihre Unterwäsche entfernen will, bemerkt das Mädchen, dass es Ernst wird. ‚Jetzt reicht’s’, denkt sie. „Du…“, sagt sie, nimmt seine Hand und, versucht diese vorsichtig weg zu schieben. Doch seine Hand scheint aus Stein zu sein, anstatt, dass sie verschwindet, macht sie einfach weiter, öffnet ihren BH und ist grade dabei, diesen zu entfernen, als das Mädchen noch ein Stück weiter weg rutscht. „Bitte…“, fleht sie ihn leise an. Sie schaut in sein Gesicht und sieht seinen Blick. Er schaut … fremd.

Freunde.

Diesen Jungen liebt sie nicht. Er ist auch nicht ihr Freund. Was ist passiert?

Sie waren Freunde.

Sein Blick macht ihr Angst. Ihre Entschlossenheit verpufft wie Rauch. Sie will am liebsten weinen. Was ist denn nur mit ihm passiert?

Freunde.

Er reißt ihr ihren BH vom Leib, dasselbe macht er mit der Unterhose. Sie liegt nackt auf ihrem Bett. Mit ihrem besten Freund.

Sie waren Freunde.

Doch er ist nicht mehr ihr Freund. „Bitte…“, versucht sie es noch mal mit weinerlicher Stimme. Doch sie sieht in seinen Augen, dass ihre Angst ihn nur noch mehr erregt. Er zieht schnell seine Boxershorts aus und das Mädchen schaut demonstrativ weg. Sie will das nicht sehen.

Freunde.

Sie will nicht, dass er es macht, doch das interessiert ihn nicht.

Sind sie nur Freunde?

Es ist vorbei. Sie liegt auf dem Boden, zusammengerollt wie ein Fötus. Nachdem er fertig war, hat er sie einfach aus dem Bett geworfen und sie hat es geschehen lassen. Wie auch alles andere zuvor.

Freunde?

Er zieht sie wieder hoch aufs Bett. Nicht so grob, wie er vorher mit ihr umgegangen ist, doch noch lange nicht so liebevoll, wie zu der Zeit, als er noch ihr Freund war. Er nimmt sie in seine Arme. Sie spürt, dass er seine Hose wieder an hat, nur sein Oberkörper liegt noch nackt und warm neben ihr. Er kuschelt sich an sie und für einen Moment kommt es ihr so vor, als wäre das alles grade nicht passiert. Doch das ist es, das merkt sie schon daran, dass sie nichts an hat, sondern entblößt und benutzt neben ihm liegt, wie eine Puppe.

Freunde.

Er schaut ihr tief in die Augen. Sie erkennt ihren alten besten Freund tief in ihm drin. Doch ist er das wirklich? Er fängt vorsichtig an, sie wieder anzuziehen. Sie würde es nicht zulassen, wenn sie nicht so schwach und müde wäre, sie hätte sich gewehrt, doch sie kann nicht. Sie fühlt sich wie eine kleine Puppe, sie hat keine Kontrolle mehr über sich selbst. Und sie ist verwirrt. Erst ist er super zu ihr, ihr Traummann, ihr bester Freund, dann tut er ihr so weh, raubt ihr ihre Unschuld und ihren Glauben. Und jetzt, jetzt ist er wieder unendlich lieb zu ihr. Er ist total vorsichtig, das genaue Gegenteil von eben, er fasst sie an, als wäre sie aus Porzellan.

Sie hat sich gewehrt, die ganze Zeit, nur zum Schluss, da hatte sie einfach keine Kraft mehr. Sie hat alles geschehen lassen. Er konnte ihr doch auch gar nichts antun, sie waren doch Freunde. Das hatte er immer gesagt, immer wieder, sooft hatte er betont, wie gute Freunde sie waren und wie wichtig sie für ihn war – als Freundin. „Wie eine kleine Schwester“, hatte er mal gesagt. Doch das, was er in dieser Nacht tat, das hatte nichts von einem großen Bruder.

Ich hab dich so unendlich lieb, meine kleine Fee.“, haucht er in ihr Haar.

Kleine Fee. Das sagte er immer zu ihr und sie musste dabei immer kichern, weil sie sich so gar nicht als Fee sah, doch aus seinem Mund hatte es etwas sehr liebevolles. Es war nicht böse gemeint, er sah es wirklich so, das hörte man auch an seiner Stimme. Außerdem würde er sie niemals anlügen. Sie waren ja Freunde.

Sie liegt in seinen Armen, doch sie schmiegt sich nicht an ihn. Sie rückt aber auch nicht mehr nach hinten, sie liegt einfach da und stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie jetzt tot sein würde. Wenn sie neben ihm sterben würde. Was er wohl tun würde? Sie schaut in sein Gesicht. Er bemerkt ihre Blicke und sieht sie besorgt an. „Was hast du denn, Kleines?“, fragt er ahnungslos. Und er hört sich echt verwundert an.

Normalerweise wäre sie nach so einer Frage in so einem Moment total ausgerastet. Wahrscheinlich hätte sie ihn geschlagen, ihn verprügelt, sie hatte die Kraft, sie war schon immer ein starkes Mädchen gewesen, doch in dieser Nacht, da war sie so müde, innerlich so unendlich müde, dass sie einfach nicht reagierte.

Er drückt sie an sich. „Ich hab dich so lieb!“, flüstert er, während er sie noch etwas an sich zieht.

Wie ein großer Bruder.

Und da kommt ihr plötzlich ein Gedanke. Vielleicht war es ja Liebe. Er liebt sie sicher, er kann es nur nicht so gut zeigen. Das war sicher alles ein Akt aus Liebe. Sie sieht ihn an, sieht seinen liebevollen und besorgten Blick und ist sich auf einmal todsicher, dass es so sein muss. Alle Schmerzen und Tränen von den letzten Stunden sind vergessen, er liebt sie, da ist sie sich ganz sicher. „Duu…“, sagt sie. Er sieht sie aufmerksam an. „Nur Freunde…?“, fragt sie leise.

Ja, sie hat sich echt daran geklammert, dass er sie liebt. Nach all dem, was er ihr so kurz zuvor angetan hat, nach all den Schmerzen, nach all den Grausamkeiten, da denkt sie nur an Liebe.

Er sieht sie traurig an. „Aber nein, meine kleine Fee.“, fängt er behutsam an. „Das muss doch gar nichts mit Liebe oder zusammen sein zu tun haben.“

Das war total klar. Das war so glasklar.

Das muss doch nichts mit Liebe oder zusammen sein zu tun haben.“ Sie sackt in sich zusammen. Sie liegt neben ihm, benutzt, berührt, traurig, müde und durch diese Worte hat er sie getötet. Jede Hoffnung aus ihrem Körper gelöscht. All ihre Träume zu Nichte gemacht. Ihr Leben ist nichts mehr wert, denkt sie. Sie will nicht mehr leben, nicht mehr atmen und vor allem will sie den Schmerz nicht mehr spüren müssen.

Also doch, nur Freunde.

Du, Kleine, ich geh jetzt mal.“ Er schaut auf die Uhr. „Es ist ja schon fast vier Uhr. Ich hab meiner Mama gesagt, dass ich bis Mitternacht schon lange zu Hause bin und jetzt … das.“ Er grinst. „Doch ich hab auch nur mit einem Film gerechnet und nicht mit…“ er hält eine Sekunde inne und überlegt wohl, was er sagen soll. „… so was!“ Er grinst, zieht sie noch einmal an sich, um ihren Hintern befummeln zu können und geht dann aus dem Zimmer.

Normalerweise war sie dabei immer wie ein junges Reh hinter ihm her gehüpft und hat gebettelt, dass er nicht noch was bleiben kann. Aber normalerweise war er auch nicht … so.

Er steckt noch mal eben seinen Kopf in ihr Zimmer. „Tschüss meine kleine Fee, ich versteh schon, dass du jetzt nicht aufstehen willst, nur um mir Auf Wiedersehen zu sagen!“ Sie stellt sich vor, wie sein Gesicht sich dabei zu einem Lächeln verzieht, wie es für ihn einfach typisch ist. So ein Lächeln, wobei man seine kleinen süßen Grübchen sehen kann und bei dem ihr immer heiß und kalt wurde. „Tschüss.“, versucht er es noch mal, bevor er aus ihrem Zimmer verschwindet. Einen Moment später hört sie, wie die Haustüre wohl hinter ihm zuschlägt. Dann liegt sie in ihrem Bett. Mitten in dem Bett, wo sich die ganzen schmutzigen Ereignisse zugetragen hatten und wo er ihr ihre Unschuld geraubt hat.

Früher, da hatte sie sich immer vorgestellt, wie es werden würde, wenn sie ihr erstes Mal hatte. Ihr erster richtiger Freund, vielleicht auch der zweite oder dritte. Total romantisch mit Kerzenlicht und schöner Musik. Sie würde es wollen, er würde es wollen und auch, wenn es wehtun würde, wäre es wunderschön.

Ihr wird auf einmal schmerzhaft bewusst, dass er sie in dieser Nacht nicht nur entjungfert hatte, sondern ihr auch noch ihren romantischen Traum vom ersten Mal einfach ausgelöscht hatte. Jetzt war sie benutzt, sie war verbraucht, sie würde keiner mehr wollen, wenn er erfahren würde, wie sie ihre Unschuld verloren hatte. An ihren besten Freund. Und das unfreiwillig.

Dieses Mädchen sitzt in ihrem Zimmer und ihr rollen leise Tränen über ihre Wange. Tränen der Wut, dass sie sich nicht gewehrt hat, nicht genug, dass sie es nicht verhindert hat. Tränen der Trauer, dass sie so schnell aufgegeben hat, dass keiner da war, um ihr zu helfen. Tränen der Hilflosigkeit. Tränen der Verwirrung. Und Tränen der Scham. Sie sitzt in ihrem Zimmer und sie traut sich nicht raus. Sie will keinen sehen, mit niemandem reden, sie hat das Gefühl, dass wenn sie jetzt raus geht, dass es jeder sehen kann und dass sie jeder auslachen wird, dass sie so leicht zu haben ist und dass sie kein Stückchen Würde mehr besitzt.

Dieses Mädchen ist keine Dame. Sie ist auch kein Mädchen. Das Mädchen ist eine Frau. Eine junge Frau. Und das nicht freiwillig, sie wäre gerne noch ein kleines Mädchen, doch das wird sie nie wieder sein können, denn das hat man ihr genommen.